Kommentar zur Nutzung der Windenergie im Kaufunger Wald aus Sicht des Rauhfußkauzes

von Heiko Benduhn

 

Gott zum Gruß, liebe Mitmenschen. Wenn Sie erlauben, möchte ich mich Ihnen kurz vorstellen. Ich bin der Raufußkauz, eine Eule von den eisigen Höhen des Kaufunger Waldes. Man nennt mich so, weil mein Gefieder bis zu den Füßen reicht. Ich bin 25cm groß und lebe hier mit meiner Frau in einem dichten Nadelwald. Weil unser Nachwuchs noch nicht fliegen kann, befindet sich dieser sicher in ca. 9 Metern Höhe in einer kleinen Höhle im Baumstamm einer alten Buche. Die Baumhöhle hat uns unser Kollege, der Schwarzspecht, freundlicherweise zur Nachnutzung überlassen. Meine Vorfahren bewohnen seit der Eiszeit über tausende von Generationen dieses Waldgebiet. Wir bevorzugen die kühlen Höhenzüge der Mittelgebirge. Hier in diesem ausgedehnten nadelholzdominierten Mischwald und in dieser alpinen Atmosphäre fühlen wir uns besonders wohl. Wir siedeln uns in Rufkontakt mit anderen Artgenossen an. Unser Lebensraum sind große zusammenhängende Wälder mit Tannen, Fichten und alten Buchen. Manchmal werden wir von anderen Vögeln bedroht, und müssen uns verteidigen. Wir sind aber auch gefährdet, weil dieser Lebensraum mit einem hohen Altholzbestand zunehmend verschwindet. Größe und Anteil des Altholzes sind für uns existenziell relevant. Die meisten von uns leben eher verborgen im nordischen Nadelwaldgürtel. In Deutschland leben aktuell ungefähr 2500 Paare. Mit Einbruch der Dunkelheit fliege ich los und jage hauptsächlich Mäuse, welche wir als Nahrung benötigen. Die Jagd in der Nacht ist daher für unser Überleben unverzichtbar. Denn Mäuse sind unsere Lebensgrundlage. An Waldlichtungen oder Aufforstungen warte ich nachts wenn es dunkel ist auf Beute. Ich höre die Mäuse akustisch, fliege dann dorthin und fange sie. In einer Baumhöhle habe ich ein umfangreiches Nahrungsdepot angelegt. Um Mitternacht mache ich eine kleine Pause zur Erholung. Noch vor der Morgendämmerung beende ich die Jagd und fliege zu meinem schützenden Ruheplatz in der dichten Baumkrone einer Fichte. Dort verbringe ich auf einem Ast dicht am Baumstamm den Tag. Dies ist ein gutes Versteck vor Feinden. Die dichten Zweige verbergen mich dort vor den Augen anderer Vögel, die mich bedrohen. Im Sommer lasse ich mich in dieser exponierten Lage oft von der Sonne verwöhnen. Im Winter lasse ich mich an gleicher Stelle nicht selten komplett einschneien.

Der Grund, weswegen ich mich an euch wende, sind die aus unserer Sicht langfristig gesehen sehr ineffizient geplanten Windkraftanlagen in unserem Hochmoorgebiet. Mit zunehmender Besorgnis beobachten wir eure vorbereitenden Aktivitäten. Unsere Existenz hier oben an diesem Standort ist direkt und unmittelbar bedroht, wenn die geplanten Windkraftanlagen so errichtet werden, wie sich dies aktuell abzeichnet. Es stellt sich die Frage, zu welchem Preis unser ökologisch hochwertiger Lebensraum verkauft werden soll, welcher viele seltene Arten beherbergt und damit unmittelbar zum Erhalt der biologischen Vielfalt beiträgt. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Niemand hat grundsätzlich etwas gegen Windkraftanlagen. Es versteht sich von selbst, dass die Chance einer Energiewende genutzt werden sollte, wenn durch verstärkte Nutzung regenerativer Energien ein Verzicht der Atomkraft und eine Reduzierung von Kraftwerken, die fossile Energieträger verbrennen, ermöglicht wird. Dass Windkraftanlagen dazu gehören ist fast schon evident und steht daher für uns nicht zur Diskussion. Auffällig ist aber eure sehr merkwürdig anmutende Art der Entscheidungsfindung. Diese scheint aus unserer Sicht bei weitem noch nicht so zu funktionieren, wie dies im Bereich derart umfangreicher kostspieliger Projekte Sinn machen würde, nämlich so, dass jeder, der einen Vorschlag hat, von allen gehört wird und dann in einem für alle transparenten Prozess unter Offenlegung aller Fakten innerhalb eines Diskussionsprozesses der zum größtmöglichen Nutzen der Allgemeinheit bestmögliche Kompromiss entwickelt und dann so umgesetzt wird. Wie sollen denn herausragende Ideen aus der Bevölkerung in die Planung des Konzeptes einfließen, wenn alles völlig intransparent unter Ausschluss der Öffentlichkeit geplant und umgesetzt wird. Abgesehen davon wird die Energiewende nach aktuellem Planungsstand möglicherweise gar nicht erreicht. Der Nutzen für die breite Bevölkerung ist noch nicht klar erkennbar. Denn der angestrebten Energiewende sollte mindestens eine Planung zu Grunde liegen, welche die prognostizierten Ziele auch erreichen kann. Die prognostizierte elektrische Gesamtleistung reicht für eine Energiewende gar nicht aus. Dazu müsste die umgewandelte Energie zu einem erheblichen Anteil z.B. in Wasserkraftwerken in Skandinavien zwischengespeichert werden. Die aktuellen Planungen sehen dies aber gar nicht vor. Während verbrauchsseitig weiterhin ein erhebliches Energieeinsparpotenzial besteht, werden vorsätzlich etliche Biotope und damit die Lebensgrundlage vieler Arten zerstört. Es stellt sich daher die Frage, ob hier wirklich noch die Verhältnismäßigkeit gewahrt ist. Die zu erwartende Zerstörung unserer Biotope steht in keinem Verhältnis zu dem nach aktuellem Planungsstand fragwürdigen Nutzen für die Bürger. Der mit uns verwandte Sperlingskauz ist noch viel stärker bedroht als wir. Zudem findet in dem Gebiet der geplanten Industrieanlagen die Neubildung und Rückhaltung des Grundwassers statt, welches aus zahlreichen Quellen des Gebirgszuges sprudelt. Die Wasserqualität und die gespeicherte Wassermenge wären dauerhaft beeinträchtigt. Der Schutz der Gewässer kann also auch nicht mehr gewährleistet werden. Eine derart umfangreiche Zerstörung intakter Biotope verstößt völlig gegen das gebotene Prinzip der Nachhaltigkeit als übergeordnetes primäres Ziel. Euch scheint nicht klar zu sein, dass eure völlig oberflächliche Sicht, die der eigentliche Grund für euer rücksichtsloses Verhalten zu sein scheint, eine Bedrohung für uns alle darstellt, die in ihrer irreversiblen Wirkung nicht ansatzweise in Euros beziffert werden kann. Bei uns sind etliche Windenergieanlagen geplant. Deren geplanter Abstand zu unseren Nisthöhlen ist viel zu gering. Auch wird unser Jagdrevier durch die Windenergieanlagen massiv gestört. Denn ein erheblicher Anteil der Windenergie wird von den Rotorblättern in für unser Gehör relativ laute Geräusche umgewandelt. Der Schalldruckpegel insbes. in dem für Menschen nicht wahrnehmbaren Infraschallbereich unter 30 Hertz wird enorm hoch sein. Zudem hat Infraschall eine deutlich höhere Reichweite als der von Menschen hörbare Schall. Er ist also in großen Entfernungen noch vorhanden. Ich finde nachts die Mäuse, die ich als Beute zum Überleben benötige, weil ich sie mit meinem feinen Gehör auch in großen Entfernungen hören kann, wenn sie raschelnd durch das Laub des Waldbodens laufen. Die für uns lauten Geräusche der Windgeneratoren beeinträchtigen daher die Jagd erheblich. Abgesehen davon sind die in der Dunkelheit grell rot blinkenden Lichter mehr als irritierend. Die nötigen umfangreichen Rodungen sind mehr als problematisch. Ohne die Erhaltung der Buchenaltholzbestände und der Fichten gibt es für uns hier oben keine Zukunft. Es geht aber hier gar nicht nur um Toleranz, sondern insbes. auch um Verantwortung in Bezug auf die gattungsübergreifende Stabilität von Ökosystemen bzw. des globalen Ökosystems, der fundamentalen Lebensgrundlage insbes. auch von euch Menschen! Wenn ihr das Projekt wie geplant umsetzt, unser Hochmoor austrocknet und in ein Industriegebiet verwandelt, dann sind wir hier oben unabhängig von eurer zwangsläufig immer nur bedingt „objektiven“ Perspektive mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr überlebensfähig. Sicher ist, dass dann die Lebensqualität für uns so dramatisch abnehmen wird, dass wir ums pure Überleben in einer unerträglichen Umgebung werden kämpfen oder in unwirtlichere Lebensräume abwandern müssen. Dann gehen für uns hier oben die Lichter aus. Das war es dann. Wir müssten uns von euch verabschieden. Für euch würden die Mäusepopulationen stark zunehmen, im ungünstigsten Fall exponentiell anwachsen. Ihr seid in euren Bestrebungen einfach zu inkonsequent. Ihr betreibt begeistert methodisch präzise Wissenschaften. Die Erkenntnisse daraus selektiert ihr dann aber in solche, die in eurem Sinne sind und solche, die ihr nicht haben wollt. Die einen werden völlig ungerechtfertigt als „Wahrheit“ überhöht, die anderen, die euch nicht passen, werden, obwohl genauso wissenschaftlich begründet, einfach ignoriert und geleugnet. So kann man das doch nicht machen. Wenn es nicht so bitter wäre, wäre es fast schon zum schmunzeln, um nicht zu sagen, zum totlachen. Täuscht euch nicht. Glaubt nur nicht, ihr könntet euch über Gott lustig machen! Ihr werdet genau das ernten, was ihr gesät habt (vgl. Bibel: Gal 6,7). Wer Unrecht sät, wird Unheil ernten (Spr 22,8). Daran ändert auch eure beängstigend vereinfachende Beschreibung der Wirklichkeit durch eure Naturgesetze nichts. Diese haben sich zwar bisher in der Beherrschung eurer Technik zweifelsfrei ausreichend bewährt. Dies heißt aber nicht, dass diese auch die Wahrheit sind. Die Reduzierung eurer Wahrnehmung auf eure Naturgesetze und eure rechtlichen Rahmenbedingungen scheint euer eigentliches Problem zu sein, weil dies offensichtlich verheerende Auswirkungen auf eure Zukunftsfähigkeit hat. Die Wahrnehmung der Heiligkeit dieser Gegend hier oben scheint vielen von euch abhanden gekommen zu sein. Dies könnt ihr natürlich nur beurteilen, wenn ihr selbst mal hier oben gewesen seid. Ich lade euch ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns treffen ist zwar sehr gering, aber seht euch die Situation am besten selbst an und nehmt es wahr! Und urteilt erst dann. Denn nur wer selbst hier oben war und es selbst erlebt hat, ist zu jenen ganzheitlich schlüssigen Erkenntnissen a priori nach Kant fähig, welche die inneren logischen Widersprüche des Gesamturteils auf ein Minimum reduzieren.


Mit kollegial kooperativen Grüßen von den eisigen Höhen des Kaufunger Waldes.


Euer Raufußkauz

Do

04

Sep

2014

Windkraft Kaufunger Wald, Hausfirste

Windkraft Kaufunger Wald, Hausfirste

Die Firma HSE Darmstadt plant auf der Hausfirste im Kaufunger Wald die Errichtung von Windkraftanlagen. Die Planung wird in den betroffenen Ortsteilen sehr kontrovers diskutiert. Unsere Ortsgruppe sollte sich deshalb baldmöglichst mit dem Thema auseinandersetzen.

 

Was ist geplant:

 

- Die Errichtung von 10 Windrädern mit einer Nabenhöhe von ca. 140 bis 150 m (zum Vergleich: der vorhandene Windmessmast hat eine Höhe von 120 m)

- Die Anlagen haben eine Entfernung von den umgebenden Orten von mindestens 2,2 km (s. folgenden Plan (lässt sich durch Anklicken vergrößern).

- Die Anlagen sollen in Nadelwaldbereichen oder Windwurfflächen errichtet werden. Laubwälder sollen nicht betroffen sein.

 

Zu diskutieren wären insbesondere folgende Fragestellungen:

 

- Welche naturschutzfachlichen Auswirkungen hat die Errichtung der  Windkraftanlagen?

- Welche Auswirkungen gibt es auf die betroffenen Ortschaften und den Tourismus in Witzenhausen?

- Macht Windkraft oder erneuerbare Energie überhaupt Sinn? Was ist wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint? Gibt es Speichermöglichkeiten? Müssen nicht immer Kraftwerke, die mit fossilen Energien betrieben werden, für die Grundlast bereitstehen? Diese Punkte wurden auf verschiedenen Veranstaltungen sehr intensiv (und lautstark) diskutiert.

 

Zu dem letzten Punkt gibt es im Internet eine Reihe von Informationen, z.B. unter folgender Adresse: http://www.energiesystemtechnik.iwes.fraunhofer.de/.

 

Ich bitte um Diskussionsbeiträge zu diesem Thema (Kommentare, s. Seite unten links).

 

Viele Grüße

 

Werner Haaß

Standorte der geplanten Windkraftanlagen
Standorte der geplanten Windkraftanlagen
5 Kommentare

 

 

Erläuterung zum Antrag der Firma HSE zur Errichtung der Windkraftanlagen (nach Angabe der HSE):

- April 2014: Durchführung eines Scoping-Termines (Termin zur Abstimmung des Untersuchungsbedarfes mit dem Regierungspräsidium und den beteiigten Städten, Verbänden, Behörden)

- derzeit werden Antragsunterlagen für ein Genehmigungsverfahren beim RP Kassel vorbereitet

- Oktober 2014: Einreichung eines BImSch-Antrages, förmliches Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung

- Öffentlichkeitsbeteiligung, Stand 03. November 2014: nach Angabe des RP Kassel sind die Unterlagen der HSE noch nicht eingegangen. Nach Eingang der Unterlagen werden diese in einem Zeitraum von höchstens 4 Wochen auf Vollständigkeit geprüft. Anschließend erfolgt nach Auskunft des RP Kassel die Offenlage der Unterlagen.

- voraussichtlich Dezember 2014, Januar 2015: Auswertung der eingegangenen Stellungnahmen durch das Regierungspräsidium Kassel

Anmerkungen zu den Abstandsregelungen für den Schwarzstorch

Eine Anfrage beim RP Kassel zu den Abstandsregelungen für den Schwarzstorch bei der Errichtung von Windkraftanlagen hat folgendes ergeben:

 

- der Bereich von 1.000 m um einen Schwarzstorchhorst wird als Fläche mit einem sehr hohen Konfliktpotential eingestuft.

- der Bereich von 3.000 m um einen Schwarzstorchhorst wird als Fläche mit einem hohen Konfliktpotential eingestuft.

 

Die Abstandsempfehlung des Leitfadens "Berücksichtigung der Naturschutzbelange bei der Planung und Genehmigung von WKA in Hessen" lautet weiterhin für den Mindestabstand 3.000 m, für den Prüfbereich 10.000 m. Diese Werte, an welchen sich auch das RP Kassel bei der Bearbeitung der Anträge auf Errichtung der Windkraftanlagen laut eigener Aussage orientieren muss, entsprechen den Abstandsempfehlungen der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten, auf welche sich auch das BFN bezieht. Nur im Einzelfall, wenn eine Raumnutzung der Flächen zum Beispiel wegen ungeeigneter Habitate für die Vogelart begründet unwahrscheinlich ist, können die Mindestabstände gemäß dem Leitfaden "Berücksichtigung der Naturschutzbelange bei der Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen in Hessen" (2012) unterschritten werden.

 

Anmerkung: eine derartige Unterschreitung muss aber gut begründet sein und öffnet natürlich Raum für Einwendungen gegen das Vorhaben.

Anmerkungen zu den Abstandsregelungen für den Schwarzstorch

Eine Anfrage beim RP Kassel zu den Abstandsregelungen für den Schwarzstorch bei der Errichtung von Windkraftanlagen hat folgendes ergeben:

 

- der Bereich von 1.000 m um einen Schwarzstorchhorst wird als Fläche mit einem sehr hohen Konfliktpotential eingestuft.

- der Bereich von 3.000 m um einen Schwarzstorchhorst wird als Fläche mit einem hohen Konfliktpotential eingestuft.

 

Die Abstandsempfehlung des Leitfadens "Berücksichtigung der Naturschutzbelange bei der Planung und Genehmigung von WKA in Hessen" lautet weiterhin für den Mindestabstand 3.000 m, für den Prüfbereich 10.000 m. Diese Werte, an welchen sich auch das RP Kassel bei der Bearbeitung der Anträge auf Errichtung der Windkraftanlagen laut eigener Aussage orientieren muss, entsprechen den Abstandsempfehlungen der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten, auf welche sich auch das BFN bezieht. Nur im Einzelfall, wenn eine Raumnutzung der Flächen zum Beispiel wegen ungeeigneter Habitate für die Vogelart begründet unwahrscheinlich ist, können die Mindestabstände gemäß dem Leitfaden "Berücksichtigung der Naturschutzbelange bei der Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen in Hessen" (2012) unterschritten werden.

 

Anmerkung: eine derartige Unterschreitung muss aber gut begründet sein und öffnet natürlich Raum für Einwendungen gegen das Vorhaben.

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